Liebe Leserin, lieber Leser
Sie ist Molekularbiologin, ihr Verständnis von Strukturen ist ausgeprägt und verästelt. In unserem zweiten Gespräch vertraute mir die Kundin an, sie sei autistisch. Vieles ging mir durch den Kopf. Mit Autismus geht ein breites Spektrum einher. Und: Sprache und Kommunikation gehören zur Kernsymptomatik und können deshalb herausfordernd sein. Ich hörte, aber begriff (noch) nicht. Sie wiederum wollte verstehen und fragte deshalb immer wieder geduldig nach, wenn meine Fragen für sie unklar waren oder sie damit schlicht nichts anfangen konnte. Ich fragte zurück. Eine weitestgehend unbekannte Welt öffnete sich einen klitzekleinen Türspalt.
Als es darum ging, sich auf ein Bewerbungsgespräch vorzubereiten, erzählte mir die Kundin von einer prägenden Erfahrung. In einem Interview waren ihr alle sechs Firmenvertreterinnen und -vertreter während des ganzen Gesprächs überheblich begegnet. Die Kundin fühlte sich dadurch eingeschüchtert; eine Blockade war die Konsequenz.
Wir arbeiteten uns Frage um Frage vor und stiessen auf die Ursache: Es war ihr nahegelegt worden, sich kommunikativ «zurückzunehmen». Das Verhalten, das sie daraufhin insbesondere für Bewerbungssituationen einübte, passte jedoch weder zu ihrer Persönlichkeit noch entsprach es ihrem Fachwissen.
Das vorangegangene Erlebnis hatte also Spuren hinterlassen und zu einer Verunsicherung geführt. Die blosse Vorstellung eines Bewerbungsgespräches löste Stress aus: Die Vorbereitung auf Gespräche bereitete ihr enormes Kopfzerbrechen. Von den Terminen bei der Firma vor Ort ganz zu schweigen. Um diesen Druck abzuschwächen, erarbeiteten wir mit Fokus auf ihre Herausforderungen und gemachten Erfahrungen quasi eine Struktur für Fragen. Damit konnte sie sich auf Gespräche vorbereiten: Welche Themen interessieren das Gegenüber? Weshalb werden diese Fragen gestellt? Worauf sollte die Kundin achten und wie könnte deshalb eine Frage lauten? Und natürlich Formulierungen für die Themen, welche sie selbst interessierten. Durch diesen Wechsel der Perspektive fand sie zu Formulierungen, die ihr und ihrem Fachwissen gerecht wurden.
Schritt für Schritt liess sich die Sache für sie entwirren. Sie lernte, kommunikativ Raum einzunehmen und fand ihren eigenen Weg, sich mit neu gefundenem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein in Gesprächen einzubringen. Vor einigen Wochen hat sie mir gut gelaunt mitgeteilt, sie sei jetzt fündig geworden und würde bald ihre neue Stelle antreten.
Im Leben treffen wir ja oft auf die unterschiedlichsten Menschen und Themen. Wir können uns nicht immer darauf vorbereiten. Fragen auf Augenhöhe zu stellen, zuzuhören und verstehen zu wollen, hilft. – Probieren Sie es; Sie werden staunen.
Herzlich, Renata Anceschi
© Renata C. Anceschi, Anceschi Human Consulting GmbH Bern